„Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig und zugleich gefährdet die Familie ist“

Die Predigt von Weihbischof Hansjörg Hofer zum  Fest der Heiligen Familie, 26. Dezember, im Dom zu Salzburg.

26.12.2021

        Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn ich über das heutige Evangelium vom zwölfjährigen Jesus im Tempel nachdenke, taucht bei mir die Frage auf: Zu wem soll ich eigentlich halten? 

Zu den besorgten Eltern oder zum jugendlichen Jesus? Soll ich für die Eltern Partei ergreifen oder mich auf die Seite des heranwachsenden Sohnes stellen?

Im Grunde kann ich Maria und Josef gut verstehen, wenn sie voller Angst und Sorge suchend umherirren. Sie tun, was sicher alle Eltern tun würden, wenn ihr Kind verschwunden wäre. Heute käme wohl eine Suchmeldung im Radio und ein Foto im Fernsehen. Warum tut denn das Jesus? Er hätte sich doch denken können, dass sich seine Eltern Sorgen um ihn machen. - Das ist die Situation der bangen Eltern.

Und die Position Jesu? Nach dem damaligen jüdischen Recht ist er mit 12 Jahren kein Kind mehr. Er ist in einem Alter, mit dem er die vollen Rechte und Pflichten eines Erwachsenen übernimmt. Was Wunder, wenn er als junger Erwachsener nun eigene Wege geht! - Soll ich also zu Jesus halten? Während ich so frage, bin ich schon mitten in einem Konflikt, der nichts an Aktualität verloren hat. Wer hat Recht: die Eltern oder die heranwachsenden Kinder?

       Liebe Schwestern und Brüder!

Wir feiern heute das Fest der Heiligen Familie. Wer meint, diese sog. Hl. Familie sei wegen ihrer Heiligkeit weltfremd und so weit weg von unseren Problemen, dass sie uns nichts mehr zu sagen hat, der täuscht sich. 

Ich meine: für Eltern, deren Kinder heimkommen, wann sie wollen, oder von zu Hause ausziehen, mag es ein gewisser Trost sein, wenn auch die Heilige Familie als eine ganz normale Familie geschildert wird mit all den Problemen und Sorgen, die der Alltag bereithält. Auch in der Hl. Familie verlaufen die Wege des jungen Jesus anders, als Maria und Josef sich das vorgestellt haben. Das vorwurfsvolle Wort Mariens: „Kind, wie konntest du uns das nur antun“, könnte auch aus dem Mund einer Mutter heute stammen oder?

Wenn wir also das Fest der Heiligen Familie feiern, stellt sich die Frage, was dieses Fest für die Familie von heute bedeuten kann.

Der Priesterdichter Martin Gutl hat den Spannungsbogen dessen, was Familie sein kann, folgendermaßen umschrieben: „Ort der Gespräche, Ort des Schweigens, Ort der Konflikte, Ort der Versöhnung, Ort des Missverstehens und Ort des Verstehens, Ort der Vereinsamung, Ort der Entfaltung, Ort der Lüge, Ort der Wahrheit ... Ort Gottes und Ort der Menschen.“

Wir wissen es alle: Familien haben es heute nicht leicht. Man spricht ja öffentlich davon, die Familie sei eine Lebensform, die in die Krise geraten ist. Denken wir nur an die sog. Ehe für alle oder an die vielen anderen Konstellationen: Patch-Work-Familien, alleinerziehende Mütter, Ehe auf Probe, freies Zusammenleben, Leiheltern, Singledasein, Ehe auf Zeit, Ehe auf Bewährung, Scheidung usw. Zugleich aber gibt es eine große Sehnsucht nach der Geborgenheit einer Familie. In der Werte-Rangordnung von Jugendlichen steht die Familie nach wie vor ganz oben. An sie werden hohe Erwartungen gestellt.

       Liebe Schwestern und Brüder!

Auf diesem Hintergrund und speziell auch anlässlich des 5-jährigen Jubiläums des apostolischen Schreibens „Amoris Laetitia“, über die Freude der Liebe in der Familie, hat Papst Franziskus ein „Jahr der Familie“ ausgerufen, das am 19. März begonnen hat und noch bis Ende Juni des kommenden Jahres dauern wird.

Die Erfahrung der Pandemie hat zudem gezeigt, wie wichtig und zugleich gefährdet die Familie ist und wie notwendig die Familien Unterstützung brauchen.

Und was besonders weh tut und gefährlich ist: durch manche Familien geht heute ein schmerzlicher Riss wegen der Impfung. Die einen sind für die Impfung, die anderen dagegen. Das trennt eine Familie und spaltet die Gesellschaft. Schlimm ist, dass dabei nicht selten der Unfriede und Fanatismus größer sind als die Liebe und Versöhnungsbereitschaft. Bitten wir also die Hl. Familie demütig und inständig um ihre machtvolle Hilfe für all diese betroffenen Familien. 

Weil die Familie die Basis einer jeden Gesellschaft bildet, gehört es zur Verantwortung und Pflicht der Politik, familienfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Familie ist aber auch die Grund- und Keimzelle der Kirche. Sie ist der primäre Ort, wo die Kinder mit Gott in Beziehung kommen, wo sie beten lernen, wo sie schrittweise hineinwachsen können in die Welt des Glaubens, wo sie aber auch Solidarität, Verlässlichkeit, Treue, Verantwortung, Konfliktbewältigung usw. erleben und lernen.

       Liebe Schwestern und Brüder!

Etwas möchte ich heute am Fest der Hl. Familie nicht vergessen, und zwar auch an all jene zu denken, die nicht in einer „vollständigen“ Familie leben. Es sind die Alleinstehenden und die Verwitweten; Menschen, die vom Partner verlassen wurden, die ungewollt Kinderlosen oder diejenigen, die nicht den richtigen Partner fürs Leben gefunden haben. Ihnen allen wird ja gerade jetzt in der Weihnachtszeit oft genug ihr Schicksal und ihre Einsamkeit schmerzlich bewusst.

Aber auch die Familie Jesu hatte es - um es noch einmal zu betonen -, nicht leicht. Man nennt sie die Heilige Familie, was aber nicht heißt, dass es in ihr keine Probleme gegeben hätte. Heiligkeit meint nämlich nicht, dass alles perfekt und fehlerlos ist, sondern dass durch diese Menschen Heil geschieht; dass sie in ihrem Zusammenleben ganz bewusst auch dem Wirken Gottes Raum geben.

Und so teilen die Eltern Jesu das Schicksal aller Eltern. Auch sie müssen lernen, dass Annehmen zugleich Loslassen bedeutet. Das Kind ist kein Besitz, sondern will begleitet und zur Selbständigkeit geführt werden. Auch Jesus gehört nicht seinen Eltern. Er muss vielmehr seinen eigenen Weg gehen und „in dem sein, was seinem Vater gehört“, wie er selber es ausdrückt. Maria kann das zwar nicht verstehen und macht ihm Vorwürfe, aber sie nimmt es an und bewahrt es in ihrem Herzen, wie wir im heutigen Evangelium gehört haben.

       Liebe Schwestern und Brüder!

Papst Franziskus hat den Eheleuten bei einem Kongress drei Worte mitgegeben, die für das Gelingen von Ehe und Familie unabdingbar sind. Das 1. Wort heißt „Bitte, darf ich?“, denn der Partner ist nicht ein Besitz; deswegen muss ich ihn immer wieder höflich fragen und bitten. Das 2. Wort heißt „danke“, denn nichts ist selbstverständlich und das 3.: „Entschuldigung“. Davon lebt jede Familie!

Und so stellen wir unsere Familien - die intakten, die gefährdeten, die zerbrochenen - unter den Schutz der Hl. Familie und bitten das göttliche Kind und seine Eltern Maria und Josef um ihre mächtige Fürbitte und Hilfe! Beten wir also voll Vertrauen: Jesus, Maria und Josef, bittet für unsere Familien, vor allem für jene, die unter der Pandemie besonders leiden und wegen der Impfung eine Zerreißprobe durchmachen. Jesus, Maria und Josef: eure Hilfe erbitte ich für das Abrüsten der Worte, damit wir Wege der Versöhnung finden und gehen. Amen.

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