Bei Überlastung und Triage: Was Seelsorger in Spitälern leisten

Volle Intensivstationen, Covid-Tote und  Angst vor den kommenden Tagen: Die Salzburger Landeskliniken sind im Ausnahmezustand.

18.11.2021

SALZBURG (RB - Michaela Hessenberger) / Sieben Seelsorgerinnen und Seelsorger, zwei Priester und fünf Pastoralassistenten, gehen derzeit im Landeskrankenhaus ein und aus. Einer von ihnen ist Gerhard Hundsdorfer. „Wenn ich den Schutzanzug, die Handschuhe und die Schutzbrille anziehe, dann bin ich Teil des Teams und mittendrin bei den Patienten auf der Intensivstation“, sagt der 44-Jährige. Ob er damit gerechnet hat, dass die Situation in diesem Herbst so dramatisch wird? Er nickt. „Angesichts der Infektionszahlen, die sich über Monate aufgebaut haben, war das leider zu erwarten. Steigen die Infektionen, steigt die Zahl jener, die im Spital behandelt werden müssen.“

Statistik: Zahl der Toten steigt

Während mit Covid infizierte Frauen und Männer in den Spitälern oder gar auf den Intensivstationen versorgt werden müssen, steigt auch die Zahl der Toten stetig an. Das zeigen am Donnerstag veröffentlichte Zahlen der Statistik Austria für ganz Österreich. "Derzeit erinnert der Verlauf der Corona-Pandemie stark an die Entwicklung vor einem Jahr. In der ersten Novemberwoche 2021 lag die Zahl der Verstorbenen auf ähnlich hohem Niveau wie in der Vergleichswoche des Vorjahres – und damit um 18,7 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2020. Noch kräftiger fällt die überhöhte Sterblichkeit im Vergleich mit den Jahren vor Beginn der Corona-Pandemie aus. In der 44. Kalenderwoche war die Sterblichkeit heuer 25,8 Prozent höher als im Schnitt der Jahre 2015 bis 2019", sagt Generaldirektor Tobias Thomas. Konkret: Die Zahl der wöchentlichen Sterbefälle ist nun vier Wochen in Folge stetig gestiegen – nämlich um 298 Fälle seit KW 40).

Verzweiflung in den Intensivbetten

Krankenhausseelsorger Gerhard Hundsdorfer ist auf der Intensivstation im Salzburger Landeskrankenhaus im Einsatz. Jeden Nachmittag ist er dort an den Betten. „Die Station ist voll. Manche Menschen sind noch nicht intubiert, manche hängen am Beatmungsgerät. Stirbt jemand, so ist das Bett nicht lange frei. Schwestern und Pfleger sind im Dauereinsatz, es ist alles wahnsinnig dicht“, erzählt er. Er sehe, wie krank die Patienten seien. Wer noch ansprechbar sei, kämpfe mit der Sauerstoffmaske. Sie sei unangenehm, ebenso wie das Gefühl, derart an das Intensivbett und die Spezialgeräte gebunden zu sein. Hundsdorfer: „Ich höre oft – von Geimpften und Ungeimpften – dass sie doch so aufgepasst hätten und sich dennoch angesteckt haben. Und nicht wenige stöhnen, dass sie sich hätten impfen lassen sollen.“

Doch der 44-Jährige ist nicht nur bei den Kranken und jenen im Tiefschlaf, sondern auch die Brücke zu den Angehörigen, die nicht auf die Intensivstation dürfen. Insofern entlaste er wie seine Kollegen auch das Pflegepersonal, indem er einfach da und ansprechbar sei. „Niemand soll allein sein, der reden möchte“, sagt er. Wer aufgrund von Symptomen gar nicht gesprächsfähig sei, bekomme zumindest ein Hallo; wer Redebedarf hat, bei dem bleibt Hundsdorfer. Ob Gott Thema ist? Er winkt ab. Die Patienten würden ihn wohl im Hintergrund spüren, seien aber viel zu schwach, um sich tiefgreifende Glaubens- und Gottesfragen zu stellen. Gelegentlich werde er nach der Krankensalbung zur Stärkung gefragt.

Die Not des Pflegepersonals

Mit Blick auf das Krankenhauspersonal erzählt Hundsdorfer nicht nur von großen Belastungen, sondern auch von berührenden Szenen. „Als kürzlich ein Leichnam zum Abtransport in den weißen neutralen Schutzanzug kam, hat eine Schwester ihre Hand daraufgelegt und dem Toten mit beruhigender Stimme gesagt, dass es bald einen schönen Holzsarg für ihn gebe. Dann haben ihn die Träger abgeholt.“

Gerhard Hundsdorfer bewertet nicht, warum die Lage derzeit ist, wie sie ist. „Ich schaue auf die Schicksale des Einzelnen und versuche, darin zu begleiten. Dass es so weit kam wegen Einzelentscheidungen stimmt mich nachdenklich.“ Es hätte wohl mehr Vorsicht und Distanz zu anderen Menschen gebraucht – von allen, Geimpften wie Ungeimpften, überlegt er.

Er fühlt mit den Schwestern, Pflegern, Ärztinnen und Ärzten. Während Patienten sterben oder ihren langen Reha-Weg antreten und damit ihre Betten verlassen, haben die Pflegeteams sofort die nächsten Kranken in den Betten. „Es geht ständig weiter mit vollem Einsatz und derzeit ist keine Entspannung in Sicht.“ Eine Oberärztin habe ihm kürzlich gesagt, dass jede Seelsorgerin und jeder Seelsorger gebraucht werde, denn man werde das Pflegepersonal in nächster Zeit maximal belasten müssen.

Und wenn die Triage kommt?

Stichwort Triage: In die Entscheidung, wer welche Behandlung bekommen kann und wem sie im schlimmsten Fall verwehrt bleiben muss, sind Hundsdorfer und sein Team nicht eingebunden. Rechtliche, medizin-ethische Fragen werden auf der Ebene der Geschäftsführung mit leitenden Oberärzten und dem Krisenstab geklärt, sagt er.

Wenn es zur Triage kommen sollte, sagt der Seelsorger klar, dass er alle Entscheidungen mittragen werde. „Wir werden tun, was zu tun ist. Weil wir noch nicht wissen, was kommt, müssen wir uns so flexibel wie möglich auf alle Szenarien einlassen und für alle Beteiligten bestmöglich da sein.“ Er rechne damit, von Ärzten angerufen zu werden, weil Angehörige sich von Kranken verabschieden müssen, die nicht weiter behandelt werden können, weil zu viele Covid-Patienten Intensivbetten belegen.

Ob er mit den Entscheidern über die Triage in Kontakt sei? Momentan nicht. In Krisen frage man nicht nach Gefühlen, sagt er. Das habe erst später Platz, wenn es endlich wieder ruhiger wird. „Dann erst ist Zeit für das innere Befinden all jener, die jetzt an vorderster Front kämpfen und sich um jedes einzelne Leben so stark bemühen.“

Einstweilen bleibe den Seelsorgerinnen und Seelsorgern das Dasein.

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